Hippiehass und Kulturklau

Ich war noch nie auf der Fusion. Mit voller Absicht. Und ich habe mich über Hengameh Yaghoobifarahs Text zum Thema sehr gefreut. Der ist nicht nur ins Wort erlöster redlicher Hass, sondern behandelt ein relevantes Thema: die kulturelle Aneignung. Das machen übrigens nicht nur verstrahlte Hippies. Gerade in der Küche ist sie häufig anzutreffen. In diesem Zusammenhang ist das Private völlig unpolitisch: Ich kann mir kochen, was ich will. Udon Carbonara? Mit Sahne gar? Und mit grünen Bohnen, der Optik wegen? Kein Problem. Aber in der Gastronomie ist die Sache schon etwas komplexer. Kompakt und verkürzt: Wenn die Küche von marginalisierten Minderheiten „geklaut“ und verwertet wird, ist das politisch-ökonomisch nicht unproblematisch. Wen die Rezepte dabei auch noch „verbessert“ werden, kann das durchaus als Respektlosigkeit wahrgenommen werden.

Hier könnte eine Collage aus fremden klugen Gedanken folgen, doch wesentliche Aspekte haben die Journalistinnen Vanessa Vu und Minh Thu Tran in einer Folge ihres immer hörenswerten Podcasts „Rice and Shine“ behandelt. Seit ich diese gehört habe, bin ich übrigens eine Art Fanboy des Komikers Nigel Ng und seiner Kunstfigur Uncle Roger, die hauptsächlich Videos zerstört, in denen weiße Menschen asiatische Speisen zubereiten.

Berlin ist nicht Bullerbü. Dieses Wort hat eine böse Frau aus niederträchtigen Motiven in die Welt gesetzt. Aber natürlich ist da was dran. Hier leben nicht nur drei weiße schwedische Familien (wär ja auch merkwürdig), sondern Millionen von Menschen, von denen viele ihre kulturellen Wurzeln in anderen Gegenden der Welt haben. Das macht sich in der Gastronomie (und nicht nur dort) erfreulich bemerkbar: Hier gibt es kulinarisch den real McCoy zu finden, die authentischen Küchen dieser Welt. Ein sehr schönes Beispiel liegt ganz nahe, nur wenige Meter von meiner Wohnung entfernt: In Räumen, in denen es bei meiner Ankunft in Berlin Autoteile zu kaufen gab, und vor allem im benachbarten Garten hat vor einigen Jahren der Alsancak Simit Sarayi eröffnet. Der Name beschreibt das Lokal unvollständig: Es ist nicht nur ein Palast der frisch gebackenen Sesamringe, sondern ein hervorragendes türkisches Frühstückslokal, das auch warme Speisen anbietet. Das Lokal in der Blücherstraße Nr. 9 in Kreuzberg ist sehr beliebt. Aber wenn ich einen Platz gefunden habe, habe ich es immer sehr genossen.

Ein ausgiebiges türkisches Frühstück geht eigentlich zu jeder Tageszeit. Mein Favorit sind allerdings die Manti, winzige gefüllte Teigtäschchen. Diese werden nach anatolischer Art in einer leichten knoblauchigen Tomatensauce mit Joghurt gereicht. Im Alsancak bekommt der Gast zudem Gewürze, um sich das individuelle Geschmackserlebnis mit Minze, Chili, Kreuzkümmel und Sumach zu geben. So schmeckt die Türkei, in die ich aus politischen Gründen seit Jahren nicht reise. Es wäre wirklich ärgerlich anmaßend, wenn ein Männerdutt-Malte auf die Idee käme, dieses Rezept mit einer veganen Möhrensoße oder dem Überbacken mit Analogkäse zu optimieren.

Disclaimer: Ich war bei meinen Besuchen im Alsancak Simit Sarayi nicht als Blogger/Schreiber erkennbar und habe meine Speisen und Getränke selbst bezahlt. Und das bleibt auch so.

Gehackt

Es ist nicht alles schön in Berlin. Und das ist, um es in den Worten eines grotesk inkompetenten Ex-Bürgermeisters zu sagen, auch gut so. Zumindest für Menschen wie mich, die im Zweifel das Interessante dem Schönen vorziehen. Die Teile Berlins, in denen ich mich bewege und aufs Ganze gesehen auch wohlfühle, haben einen etwas abgerockten Charme. In Gegenden wie Charlottenburg fühle ich mich wie ein ungebetener Besucher, dazu vielleicht demnächst mehr in einem gesonderten Beitrag (sowohl über ungebetene Besucher wie auch über Charlottenburg, mal sehen im Sinne von denken).

Besagter abgerockter Charme von Kreuzberg und Neukölln gebiert nicht selten eine eigene schroffe Ästhetik und Semantik, die sich verschiedentlich auf meinem Instagram-Account widerspiegelt. Doch dort haben, ich schrieb es unlängst, zuletzt auch zunehmend Fotos von Speisen Einzug gehalten. Und da bin ich wie Heidi Klum: Was nicht halbwegs gut aussieht, hat keine Chance. Allerdings weiß ich, dass nicht alle Speisen gut aussehen und auch wenig ansehnliches Essen extrem gut schmecken kann. Wie zum Beispiel dieses:

Ich habe mal gelesen oder gehört, dass jede Küche der Welt kleine gegarte Hackfleischhappen kennt und schätzt. Ob das stimmt, weiß ich nicht (Kommentare höchst willkommen), aber für Europa scheint diese These zuzutreffen. Hier handelt es sich um die kosovarische Variante namens „Qebapa“, anderswo in Südosteuropa heißen ähnliche Gerichte „Ćevapčići“ (u. a. Kroatien), „кебапчета“ (Bulgarien) oder „Κεμπάπια“ (Griechenland). Ursprung all dieser Namen ist das türkische Wort „Kebab“, ein Sammelbegriff für gegrilltes Fleisch, der wiederum auf das persisch-arabische Wort „ كَباب“ (kabāb) zurückgeht. Ich nehme meinen Bildungsauftrag ernst.

Doch zurück in den Kosovo respektive an die Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln. Denn dort, genauer gesagt vor dem Haus mit der Nummer 26, in dem sich der, die oder das „Prizreni Quebaptore“ befindet, habe ich diesen Teller fotografiert und anschließend leergegessen. Definitiv kein Stoff für Insta. Den sauren Salat und die orangefarbene cocktailsoßige Substanz hätte ich nicht gebraucht. Aber die stumpf auf den angeschlagenen hässlichen Teller gepackten kleinen würzigen Rindfleischfrikadellchen vom Grill waren (wie immer) ein Hochgenuss, besonders mit Ajvar (kam erst später auf den Tisch) und dem auf dem Bild sehr zu Unrecht an den Rand gerückten umwerfenden hausgebackenen Brot – der Laden ist nämlich gleichzeitig eine exzellente Weißbäckerei.

Disclaimer: Ich war bei meinem Besuch des Prizreni Qebaptore nicht als Blogger/Schreiber erkennbar (sonst hätte man sich bestimmt mehr Mühe beim Anrichten gegeben) und habe meine Speisen und Getränke selbst bezahlt.

Wurst ist Liebe

Das Internet steckt voller Gefahren. Seine Uferlosigkeit  ist verlockend. Anders als in analogen Produkten (Jungmann, schreimse mal zwoenhalbtausend Zeichen über Bratkartoffeln) können Beiträge beliebig lang und eben häufig auch langweilig werden. Nicht nur männliche Podcast-Macher, auch manche Schreiber:innen neigen zur Geschwätzigkeit. Ich nehme mich bewusst nicht aus: Auf der Suche nach einem Einstieg in diesen Beitrag ertappte ich mich bei der Recherche über die frühe Geschichte Neuköllns. Dabei geht es in diesem Text um die Wurst. Nicht die Wurst als solche, sondern die Wurst schlechthin.

„Wurst ist Leben, Wurst ist Liebe.“ Das schrieb ich vor ein paar Jahren und ich bereue es nicht. Allerdings bereue ich, dass ich Marcus Benser in nämlichem Text als „Boudinknaben am Richardplatz“ bezeichnet habe. Zum einen, weil sich seine Blutwurstmanufaktur am benachbarten Karl-Marx-Platz befindet. Zum anderen könnte bei der Leser:in der Eindruck entstehen, es gehe um einen Hype. Foodhypes sind in den letzten Jahren rasant gekommen und wieder gegangen. Fleischermeister Benser hingegen betreibt seit Jahren exzellentes Handwerk mit einem klaren Kompass. Das durfte ich 2018 bei einem Besuch in seinem Betrieb erleben und erfahren. Berühmt ist dieser durch die namensgebende Blutwursturst, klar. Die ist so gut, dass der Meister bei Wettbewerben der „Confrérie des Chevalier du Goûte-Boudin“ in der Normandie mehrfach die Auszeichnung der besten Blutwurst der Welt abräumen konnte und seit 2004 selbst dieser Bruderschaft als Ritter an–gehört. Doch auch bei allen anderen Produkten legt er großen Wert auf höchste Qualität, von der Aufzucht und Mast der Schweine über die Schlachtung bis hin zur Verarbeitung.

Davon kann sich jede:r nach einem Einkauf in der Blutwurstmanufaktur überzeugen. Doch an einem schönen Sommertag kann man sich auch komfortabel bekochen lassen – nur wenige Schritte von Bensers Geschäft entfernt in der Villa Rixdorf. Diese liegt wirklich am wunderschönen Richardplatz. Und unter anderem bietet sie warme Blut- und Leberwurst aus dem Hause Benser an, appetitlich angerichtet auf ungewöhnlich leckerem Kraut. Das an einem schönen Sommertag freundlich serviert auf der Terrasse vor dem alten märkischen Haus, dazu eine schöne Molle – ein Kurzurlaub für Körper und Geist mitten in der Großstadt.

Disclaimer: Ich war bei meinem Besuch in der Villa Rixdorf nicht als Blogger/Schreiber erkennbar und habe meine Speisen und Getränke selbst bezahlt.

Essen ist fertig

René Descartes hatte Recht: Das Denken macht den Menschen zu dem, was er ist – zu einem Individuum. Er bekommt sein eigenes Ich. Das wird je nach Epoche, Kultur, Gegend und Charakter mal mehr und mal weniger intensiv gestreichelt. Selbstentfaltung sagen die einen, Selbstliebe die anderen. Letztere kann mitunter durchaus negativ konnotiert sein, je protestantischer, desto doller. Ich erspare Ihnen und mir an dieser Stelle sowohl laientheologische Betrachtungen über den Zusammenhang von Selbst- und Nächstenliebe als auch zu Fragen der Autoerotik und stelle lediglich fest: Das Ich begeistert sich an sich selbst. Und dieses Gefühl muss raus. Zum Glück gibt es das Internet und darin praktische Plattformen zur Selbstpräsentation und -repräsentation.

Ein schönes Exempel ist Instagram. Ein Schaufenster der Eitelkeiten. Ich meine das nicht negativ: Ich habe selbst einen Account. Hier zeigt der Mensch, wer er ist, wie er gerne wäre und wie er von anderen gesehen werden möchte. Zum Thema Selfie habe ich mich bereits vor auf den Tag genau sechs Jahren an dieser Stelle ausführlich geäußert. Doch auch Bilder von Interieurs oder Käfern, von Straßenszenen oder Lebensmitteln dienen der Selbstdarstellung und -versicherung. Aber das funktioniert nicht immer so, wie es sich die Urheber:in vorstellt.

Ich lasse dahingestellt, was ich über mich sagen will, wenn ich Straßenpflaster, Scherben oder urbane Zufallscollagen fotografiere und ins Netz stelle. Ich habe nur zuletzt die Erfahrung gemacht, dass zumindest bei meinen Follower:innen und Freund:innen (ich habe seit kurzem mal wieder Insta mit Facebook verkoppelt) nichts von alledem auch nur annähernd so viel Interesse (gemessen an Interaktionen) weckt, wie Essensbilder. Ich nehme das relativ gelassen; sollen sie doch ruhig wissen und bestätigt finden, dass ich verfressen bin. Aber ich nehme das zum Anlass, bei Gelegenheit und Lust auch hier ausgewählte Essensbilder mit kurzen launigen oder informativen, immer aber radikal subjektiven Texten zu veröffentlichen. Ich kann und darf das, es ist schließlich mein eigenes Blog.

Das auf den ersten Blick vielleicht noch etwas rätselhafte Bild oben ist also als Teaser für den ersten Beitrag auf meinem Weg zum Food-Influencer. Allen Gastronom:innen da draußen schon einmal vorab eine wichtige Information: Ich bin hauptberuflich in der Werbebranche tätig, also durch und durch käuflich.

Kartoffelbrei für den Alman

Es wird viel über Rassismus gesprochen dieser Tage, und das ist richtig, wichtig und überfällig. Doch wo eine Diskussion läuft, da sind die Blöden und die Bösen nicht weit. Sie phantalabern sich was zusammen von Rassismus auch gegen Deutsche und so. Das ist natürlich schon deshalb Quatsch, weil es Deutsche in allen Farben und Darreichungsformen gibt. Die Trottel und Übelmenschen meinen also Weiße Menschen. Und sie behaupten, dass es rassistische Diskriminierung sei, wenn man sie mal „Alman“ oder „Kartoffel“ nennt. Schon wieder Quatsch, das sind höchstens gelegentliche Sprüche, vielleicht sogar blöde Sprüche. Bestimmt sogar, denn die Kartoffel als solche taugt ja gar nicht für eine Beleidigung: Formschön ist sie und nahrhaft und lecker dazu. Zumindest wenn frisch zubereitet. Doch das ist nicht immer einfach. Welche Arbeitsstelle, vom Home-Office (ekelhafter Ausdruck) einmal abgesehen, hat dafür die nötige Hardwareinfrastruktur? So muss der Agenturalman seinem Kartoffelappetit mit einem Instantprodukt begegnen.

Vor vier Jahren endete meine Bloggerei vorläufig mit einem wenig erfreulichen Produktvergleich zweier solcher Trockenpräparate. Seitdem habe ich keinen Pulverkartoffelbrei mehr angerührt (har har har). Bis kurz vor heute. „KARTOFFELBREI mit Fleischklößchen“ verhieß der Aufdruck auf dem Plastikbecherchen.

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„Klingt super“ dachte ich Idiot. Die Zubereitung hatte ich in all den Jahren nicht verlernt: Deckel halb auf, kochendes Wasser bis zur Pegelmarke einfüllen, umrühren, nach fünf Minuten ist die Sache verzehrfertig. Ich habe bewusst nichts von Genuss geschrieben.

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War die gelbe Paste noch kind of okayish ­- halt Instantpüree ­-* spotteten die „Fleischklößchen“ jeglicher wohlmeinenden Beschreibung. Ich hätte nicht für möglich gehalten, dass ein kaum einen Zentmeter messendes weiches Objekt, das fünf Minuten in heißem Wasser gelegen hat, zu Staub zerfallen könnte. Eine faszinierende Leistung der Nahrungsmittelindustrie. Ich denke, ich lass das für die nächsten Jahre erst mal wieder mit Becherkartoffelbrei und wende mich bei Bürohunger der Nudel zu, da bin ich ja schon mal ganz gut mit gefahren.

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*Ich weiß, dass hier eigentlich Halbgeviertstriche stehen müssten. Ich benutze ausgesprochen oft und gerne Halbgeviertstriche. Aber das geht mit WordPress leider nicht. Falls es doch geht und ich nur zu blöde bin, freue ich mich über einen Hinweis, wie es geht, per Kommentar

Es geht weiter

Eine Halbzeitpause dauert ein Viertelstündchen, wie lange eine Schulpause dauert, weiß ich zum Glück nicht mehr. Hier war deutlich länger nichts zu lesen. Ich bin nicht nur ziemlich genau vier Jahre älter und schwerer (siehe Header) geworden, es hat sich auch sonst einiges getan bei mir. Ich gehe nicht mehr zu St. Pauli (das wurde mir irgendwann zu blöde, vielleicht später einmal mehr dazu) und bin aus der SPD ausgetreten (das wurde mir irgendwann zu blöde, vielleicht später einmal mehr dazu) und arbeite fest angestellt als Redakteur in einer recht großen Kommunikationsagentur. Manch anderes hingegen ist geblieben: Ich bin immer noch in Kreuzberg, staune immer noch über dies und jenes in der großen merkwürdigen Stadt, in der immer irgendwas anders bleibt

Mein kluger Vater pflegte zu sagen „Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Vorsätzen“ und so will ich nicht vorschnell versprechen, dass ich bis an mein oder Euer Lebensende hier rumbloggen werde. Aber ich gebe erstmal alles. Als Zeichen der Kontinuität in unsicheren Zeiten werde ich den Erzählfaden mit einem Beitrag zum Topthema „Instantkartoffelbrei“ wieder aufnehmen. Ich will der Sache nicht vorgreifen, aber das ist eine sehr sehr traurige Geschichte.

Kartoffelkrieg

Es gab ja früher nichts. Selbst der Krieg war kalt. Und mein Erdkundelehrer Herr V. war ein kalter Krieger. Er brachte es nur unter Schmerzen fertig, das Wort „Sowjetunion“ auszusprechen  – der Ausdruck „der Russe“ hingegen, ging ihm, obwohl deutlich nach dem Krieg geboren, flüssig über die schmalen Lippen. Sein Kollege Herr N. sprach stets vom „Iwan“, aber der hatte ja immerhin selbst am Russlandfeldzug mitgewirkt und für Führer, Volk und Vaterland einen Arm und ein Ohr in das im Resultat erfolglose Projekt investiert.

Doch zurück zu Herrn V.: Dieser liebte mit Inbrunst diejenigen Lehrinhalte, die uns die Unterlegenheit des Ostblocks gegenüber der freien Welt demonstrierten. Beispielsweise in der Landwirtschaft: Der Russe wühlte planarm auf seiner Kolchose, oder schlimmer noch: Sowchose (keine Ahnung mehr, was der Unterschied war), herum, nur um das bisschen, was er überhaupt erntete, dann auf dem Transport nach Moskau oder Leningrad verrotten zu lassen. Währenddessen röhrten kraftvoll kilometerbreite Mähdrescherformationen durch die Weiten des mittleren Westens und legten die Ernährungsgrundlage für die Achse des Guten.

Nun ist der Kalte Krieg vorbei und Herr V. zumindest seiner Verantwortung für die geistig-moralische Festigung der christlichen Jugend Südhannovers ledig. Doch nach wie vor gibt es Landwirtschaft und damit Agrarprodukte.

Aber hat der Russe mittlerweile aufgeholt? Kann er dem Westen inzwischen Paroli bieten, beispielsweise auf dem Kartoffelsektor? Das herauszufinden, gilt es. Es treten an: Piure Kartofelnoje aus dem Hause Anakomiwanzu

gegen Mashed Potatoes Tex Mex tasty & easy der Marke McEnnedy.

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Letzteres Produkt stammt nicht aus den Vereinigten Staaten, sondern wurde für die Handelskette Lidl hergestellt von der Firma Zamek in Frankfurt. Aber immerhin Frankfurt am Main, ganz in der Nähe des US-Hauptquartieres in Deutschland.

Beide Produkte kommen ähnlich daher, ein Becherchen mit Metallfoliendeckel, darin trockenes flockiges Pulver mit einzelnen Fremdkörpern. Auch die Zubereitung ist ähnlich: Deckel auf, kochendes Wasser bis zur Markierung einfüllen, umrühren, gegebenenfalls erneut bis zur Markierung auffüllen, fünf Minuten quellen lassen und losspachteln.

So sieht das dann aus: fahlgelber Pamps aus dem Hause Iwan, knalloranger Pamps aus der amerikanischen Zone:

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Letztere Farbe ist wohl der Texmexeffekt. Die spontane Hoffnung Erwartung, dass die bunte Spachtelmasse schmecken kännte wie Stapelchips vorm Frittieren, wird enttäuscht, Laff und lahm schmeckt sie, und vor allem nicht im Entferntesten nach Kartoffeln. Zudem bleiben die zum Glück nur in kleinster Dosis enthaltenen Croutons und Dörrzwiebelstückchen bis zuletzt steinhart. Hart bleibt nichts im russischen Pendant, die Pilz- und Zwiebelstückchen sind weich, das Piure Kartofelnoje sowieso. allerdings schmeckt die Grundmasse etwas muffig und schweflig. Doch zum einen ist auch eine starke Kartoffelnote zu bemerken, zum anderen ist es eine hübsche Idee, einen selbstgemachten Kartoffelbrei mit Waldpilzen zu würzen. So geht der Sieg im Wettstreit zweier bemerkenswert übler Produkte eindeutig an den Iwan. Tut mir wirklich leid, Herr V..

 

Schlangenbiss

Ich bin Historiker, aber vor lauter Rückschau auf die Lange Nacht der Museen ist mir ein geschichtlich bedeutsames Datum durchgerutscht. Aber auch einen Tag zu spät kann man dankbar denken an die Männer, die am 3. September 1977 den ersten Derbysieg für den FC St. Pauli in der Bundesliga errangen. Ein Tagesschau-Schnipsel von diesem Tag (Wilhelm Fucking Wieben!) versetzt einen zurück in die Zeit, als Stadien noch nicht Arenen hießen, keiner wusste, was Ultras sein könnten, und die Helden Tune-Hansen, Kulka und Schlangen-Franz hießen.

Nachtrag: Die vollständige Mannschaftsaufstellung: Rynio – Sturz, Höfert, Demuth – Blau, Neumann (67. Mannebach), Oswald, Beverungen, Tune-Hansen – Kulka, Gerber, die Tore erzielten vor 48.000 Zuschauern im Volksparkstadion Gerber in der 30. und Kulka in der 87. Minute

Dagobert und die Panzerknacker

Der Kulturfritze kam nicht unter die Räder, aber ich bin bei der Langen Nacht der Museen vermutlich nur ganz knapp im Trabant 601 Cabrio an ihm vorbeigedonnerttuckert, gegen Mitternacht am Checkpoint Charlie. Eigentlich hätten wir einander treffen müssen, denn wir haben in jener Nacht den selben Ansatz verfolgt und unser Augenmerk weg von den großen Häusern und hin zu den kleinen, quasi apokryphen Museen gelenkt.

Unser erster Weg führte mich und die meinen treuen Lesern bereits bekannte Begleiterin (Stabreim olé!) in die Polizeihistorische Sammlung. Unser Besuch hätte spontaner nicht sein können, neugierig aber ohne allzu große Erwartungen betraten wir die Ausstellungsräume im Flughafenkomplex Tempelhof. Doch schon zu beginn ein ganz ganz großer Ah-und Oh-Effekt für mich alternden Wessi. Bis Sonnabend den 29. August 2015 hatte ich die längst aufgelöste Motorradsportgruppe der Westberliner Polizei, der man in meiner Kinderzeit gefühlt ständig im Fernsehen zusehen konnte, wie sie zur Volksbelustigung mit lächerlich vielen Männern auf lächerlich wenig Motorrädern durch die Gegen gurkte, vollständig verdrängt. Meine deutlich jüngere und progressiv-fernsehfrei aufgewachsene Begleiterin hatte keinerlei Erinnerungen an dieses bizarre Spektakel. Das nennt man wohl die Gnade der späten Geburt.

Erinnern konnte sich Frederike noch dunkel an Arno Funke. Dem unter dem Spitznamen Dagobert bekannten Kaufhauserpresser und seinem kreativen Schaffen ist eine farbenfrohe Schautafel in der Ausstellung gewidmet.

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Überhaupt bringen die Ausstellungsmacher manchen bekannten Widersachern der Polizei spürbar Respekt entgegen.Seien es die Räuber, die sich 1995 unterirdischen Zugang zu einer Commerzbankfiliale in Zehlendorf verschafften,und deren Tunnelkonstruktion (allerdings nicht in voller Länge) nachgebaut wurde,

tunnelseien es deren Vorbilder, die Gentleman-Panzerknacker Erich und Franz Sass, populäre Stilikonen der Weimarer Zeit, umgebracht im Nationalsozialismus.

sassUnd wo bekannte Berliner Straftäter sind, da darf der Allerberühmteste natürlich nicht fehlen – im gleichen Ausstellungssaal ist die Originalakte über den großen Coup des Wilhelm Voigt zu sehen, der als Hauptmann von Köpenick Weltruhm erlangte.

akteDie Polizeihistorische Sammlung ist jedoch mehr als ein Anektdotenkabinett. Auch unbequemen Themen widmet sich  die Ausstellung, beispielsweise der Frage nach der Rolle der Berliner Polizei in den beiden deutschen Diktaturen. Und auch einer historischen Niederlage, die einen linksautonomen Mythos begründete, wird viel Platz eingeräumt: In einer zum Kleinkino umgebauten „Wanne“ (für Auswärtige: Berliner Polizei-Mannschaftswagen vom Typ Mercedes Benz T 2) sind eindrucksvolle Videos von gewalttätigen Ausschreitungen anlässlich des 1. Mai in Kreuzberg zu sehen. Einige sind direkt aus einer solchen „Wanne“ gedreht, der Besucher hört Schwälle von Pflastersteinen auf das Fahrzeug prasseln und bekommt einen ungefähren Eindruck, wie es sich für die jungen Bereitschaftspolizisten angefühlt haben muss, am 1. Mai 1987 damals offenbar überraschend massiv und gewalttätig angegriffen und bekämpft zu werden. Dass die Polizei an diesem Tag auf verlorenem Posten stand, wird freimütig eingeräumt. Auf einer Schautafel ist als Fazit zu lesen: „Die ca. 900 Militanten Gewalttäter und ihre Trittbrettfahrer hinterließen eine erschreckende Bilanz von 196 teils schwer verletzten Polizisten, 35 gelegten Bränden, 36 demolierten und geplünderten Geschäften und 77 demolierten Polizei- und 17 Feuerwehrfahrzeugen. Festnahmen gelangen kaum.“Helm

Kühl

Alle reden über das Wetter. Ich auch. Seit gestern ist der Hochsommer in Deutschland vorbei, gegen 18 Uhr Ortszeit erreichte die finale Kaltfront Kreuzberg. Wer es jetzt noch knalleheiß haben möchte, der muss verreisen, beispielsweise nach Griechenland. Bereits dort, genauer gesagt in Neá Makri, ist der uns allen bereits aus großer Kälte bekannte Flowin Immo. Der hat offenbar, wie ein Video von vorgestern zeigt, einiges in der Pipeline und kommt dafür mächtig ins Schwitzen.

Es scheint sich zu lohnen, schon die ersten Geräusche grooven ungemein.

Nachtrag: Dazu fällt mir ein alter Kalauer ein: „Kali nichta.“ „Nee, der is noch in Hamburch.“