Dagobert und die Panzerknacker

Der Kulturfritze kam nicht unter die Räder, aber ich bin bei der Langen Nacht der Museen vermutlich nur ganz knapp im Trabant 601 Cabrio an ihm vorbeigedonnerttuckert, gegen Mitternacht am Checkpoint Charlie. Eigentlich hätten wir einander treffen müssen, denn wir haben in jener Nacht den selben Ansatz verfolgt und unser Augenmerk weg von den großen Häusern und hin zu den kleinen, quasi apokryphen Museen gelenkt.

Unser erster Weg führte mich und die meinen treuen Lesern bereits bekannte Begleiterin (Stabreim olé!) in die Polizeihistorische Sammlung. Unser Besuch hätte spontaner nicht sein können, neugierig aber ohne allzu große Erwartungen betraten wir die Ausstellungsräume im Flughafenkomplex Tempelhof. Doch schon zu beginn ein ganz ganz großer Ah-und Oh-Effekt für mich alternden Wessi. Bis Sonnabend den 29. August 2015 hatte ich die längst aufgelöste Motorradsportgruppe der Westberliner Polizei, der man in meiner Kinderzeit gefühlt ständig im Fernsehen zusehen konnte, wie sie zur Volksbelustigung mit lächerlich vielen Männern auf lächerlich wenig Motorrädern durch die Gegen gurkte, vollständig verdrängt. Meine deutlich jüngere und progressiv-fernsehfrei aufgewachsene Begleiterin hatte keinerlei Erinnerungen an dieses bizarre Spektakel. Das nennt man wohl die Gnade der späten Geburt.

Erinnern konnte sich Frederike noch dunkel an Arno Funke. Dem unter dem Spitznamen Dagobert bekannten Kaufhauserpresser und seinem kreativen Schaffen ist eine farbenfrohe Schautafel in der Ausstellung gewidmet.

dagobert

Überhaupt bringen die Ausstellungsmacher manchen bekannten Widersachern der Polizei spürbar Respekt entgegen.Seien es die Räuber, die sich 1995 unterirdischen Zugang zu einer Commerzbankfiliale in Zehlendorf verschafften,und deren Tunnelkonstruktion (allerdings nicht in voller Länge) nachgebaut wurde,

tunnelseien es deren Vorbilder, die Gentleman-Panzerknacker Erich und Franz Sass, populäre Stilikonen der Weimarer Zeit, umgebracht im Nationalsozialismus.

sassUnd wo bekannte Berliner Straftäter sind, da darf der Allerberühmteste natürlich nicht fehlen – im gleichen Ausstellungssaal ist die Originalakte über den großen Coup des Wilhelm Voigt zu sehen, der als Hauptmann von Köpenick Weltruhm erlangte.

akteDie Polizeihistorische Sammlung ist jedoch mehr als ein Anektdotenkabinett. Auch unbequemen Themen widmet sich  die Ausstellung, beispielsweise der Frage nach der Rolle der Berliner Polizei in den beiden deutschen Diktaturen. Und auch einer historischen Niederlage, die einen linksautonomen Mythos begründete, wird viel Platz eingeräumt: In einer zum Kleinkino umgebauten „Wanne“ (für Auswärtige: Berliner Polizei-Mannschaftswagen vom Typ Mercedes Benz T 2) sind eindrucksvolle Videos von gewalttätigen Ausschreitungen anlässlich des 1. Mai in Kreuzberg zu sehen. Einige sind direkt aus einer solchen „Wanne“ gedreht, der Besucher hört Schwälle von Pflastersteinen auf das Fahrzeug prasseln und bekommt einen ungefähren Eindruck, wie es sich für die jungen Bereitschaftspolizisten angefühlt haben muss, am 1. Mai 1987 damals offenbar überraschend massiv und gewalttätig angegriffen und bekämpft zu werden. Dass die Polizei an diesem Tag auf verlorenem Posten stand, wird freimütig eingeräumt. Auf einer Schautafel ist als Fazit zu lesen: „Die ca. 900 Militanten Gewalttäter und ihre Trittbrettfahrer hinterließen eine erschreckende Bilanz von 196 teils schwer verletzten Polizisten, 35 gelegten Bränden, 36 demolierten und geplünderten Geschäften und 77 demolierten Polizei- und 17 Feuerwehrfahrzeugen. Festnahmen gelangen kaum.“Helm

Lange Nacht der Selfies

Das Selbstportrait ist ein seit der Renaissance nicht selten anzutreffender Bildtypus. Auch viele der Berliner Museen, die am Wochenende zur Langen Nacht luden, zeigen Selbstbildnisse. Ein deutlich jüngerer Trend sind die so genannten „Selfies“, Fotografien der eigenen werten Visage, die dann über soziale Medien verbreitet werden. Ich schreibe dies im Angesicht Horst Janssens, der in sich selbst sein Lieblingsthema gefunden zu haben scheint, Es ist sicherlich keine kühne These, dass der Künstler eine ausgeprägt narzisstische Persönlichkeit hatte. Und nicht zu wenig Narzissmus ist sicherlich auch im Spiel, wenn die Selfisten denken, dass ihr jeweiliges Gesicht ein erhebender und daher veröffentlichungswerter Anblick sei – an und für sich oder gar als Verbesserung von Anblicken wie beispielsweise des Taj Mahal, eines Sonnenuntergangs am Rhein-Herne-Kanal oder des Denkmals für die ermordeten Juden Europas.

Ich finde mich persönlich nicht unbedingt schön und habe deshalb bislang öffentliche „Selfies“ vermieden. Bei der langen Nacht der Museen allerdings, es war kurz vor Mitternacht, schoss meine Begleiterin auf der Rückbank eines fahrenden Trabant-Cabrios (das Trabi-Museum hatte für einen Shuttleservice gesorgt) ein Doppelselfie, das bessser als jeder Text beschreibt, wie sehr wir die Nacht genossen haben.

trabant

Nur wenige Minuten zuvor hatte sie mich schon im Currywurstmuseum mit dem örtlichen Maskott – die Ausmaße verbieten das Diminutiv – fotografiert. Der Plan war, mit dem Bild an einem Preisausschreiben teilzunehmen. Das unterblieb jedoch aus nicht mehr nachvolliehbaren Gründen, weil ich es schlicht und ergreifend verpeilt habe. Egal, veröffentliche ich es also hier. Ich kann und darf das, es ist schließlich mein eigenes Blog.

wurst

Nachtrag: Ganz herzlichen Dank an Frederike Stöß für die Bilder und noch viel mehr für einen wundervollen Abendtrip durch die Welt des Sehens- und Bemerkenswerten.

Noch ein Nachtrag: Natürlich folgen in den nächsten Tagen weitere Texte zu Langen Nacht der Museen 2015

Im Trumm

Mal wieder diese Griechen. Ihrem μουσεῖον, Musentempel verdanken wir unser Wort „Museum.“ Und viele Museen in Berlin muten an wie Tempel der Kunst, der Kultur, des Bewahrenswerten. Doch es geht auch anders, wie sich unweit des Anhalter Bahnhofs zeigt.

trumm

Dort steht ein Trumm von einem Museum, genauer gesagt ein ehemaliger Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg. Im vergangenen Jahr hat der in diesem Blog bereits an der einen oder anderen Stelle erwähnte Enno Lenze den Bunker gekauft und ist mit seinem privaten Berlin-Story-Museum dort eingezogen. Es erwartet die Besucher eine kurze unterhaltsame Tour de Force durch die Berlinische Alltagsgeschichte von ganz früher bis kurz vor jetzt.

ennostars

Auch Enno wird seinen übrigens auch bei großer Wärme angenehm kühlesTrumm in der Langen Nacht der Museen öffnen. Er freut sich auf viele neugierige Gäste und hat versprochen, für Fragen aller Art zur Verfügung zu stehen: Mein Tipp: Fragen Sie Ihn einfach mal, welche Erfahrungen man als Bunkerbesitzer so mit Behörden sammeln kann oder ob Stahlbeton schimmeln kann.

Nachtrag: Die Außenansicht des Trumms  habe ich nicht selbst fotografiert, sondern dem Pressebereich von BerlinStory-Bunker.de entnommen.

Wurst Case Szenario

Lange schon habe ich mich darauf gefreut, diesen faulen wie flauen Kalauer einmal zu verwursten (sorry). Und der Anlass ist wieder einmal, Stammleser werden dies bereits ahnen, die Lange Nacht der Museen (von der und über die ich übrigens im Auftrag von livekritik.de twittern und bloggen werde). Denn in dieser Nacht zeigt sich unter anderem, dass Berlins Museumslandschaft genauso vielfältig und facettenreich ist wie die ganze Stadt selbst. Und so wie Berlintouristen gerne nach einem Besuch bei Nofretete eine klassische Berliner Currywurst verdrücken, so kann man in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag nach dem Neuen Museum einen Boxenstopp im Deutschen Currywurstmuseum einlegen.

Ich war vor ein paar Tagen schon mal da und traf vor einer eindrucksvollen Karte, auf der nur die bemerkenswerten Berliner Curyywurststätten stilecht mit Pieksgabelstochern (wir Metallurgen nennen sie Pommesgabeln, aber das wäre hier etwas unpassend) markiert sind, einen alten Bekannten vom  Museumstwittern. – Sebastian twittert als  @QWoo für das kleine Museum in der Schützenstraße 70 und lässt sich wie viele Twitterer leider nur ungern fotografieren.

curryberlin

Im weiteren Verlauf der Ausstellung erfuhr ich viel über Gewürze und deren Herkunft, die Geschichte des schnellen Essens im Allgemeinen und der Scharfen Wurst im besonderen, die Typologie der Imbissbude und…aber ich will ja nicht alles verraten, sondern Neugierde wecken und Lust auf einen Besuch machen. Was ich bereits vorher als mittlerweile langjähriger Berlininsasse wusste: Das stilechte Getränk zur Wurstist nicht etwa ein Schulli oder Kindl, sondern eine gut gekühlte Schokoladenmilch – das die Schärfe auslösende Capsaicin ist nämlich fettlöslich.

schoko

Ein Currywurstmuseum ohne echte, warme, leckere Currywurst wäre natürlich witzlos, und so bildet den Abschluss eines jeden Rundganges eine praktische Überprüfung des gelernten. Und dabei stellt sich dann die alles entscheidende Frage, die die Menschheit in zwei Parteien spaltet: Mit oder ohne Darm. Während ich mich als Einwanderer oute und mich immer für die Variante mit Pelle entscheide, verhält sich Sebastian – seiner Funktion entsprechend – neutral und bestellt eine mit und eine ohne.

Nachtrag: Bei der langen Nacht der Museen können sich die Besucher mit einem lebensgroßen (also menschengroßen) Exemplar des Maskottchens des Hauses fotografieren und fotografieren lassen. Ob der kamerascheue Sebastian in der Verkleidung stecken wird, wollte er mir allerdings nicht verraten.

Keine Kulturkurznachrichten

Intelligente Leser, und nur solche hat dieses Blog, wollen ab und an auch einmal verwirrt werden. Und das gelingt am besten, wenn der Autor das gar nicht beabsichtigt. So zum Beispiel mit einer Randbemerkung in einem Blogbeitrag von vor ein paar Wochen, in der ich von MuseUps berichtete, also von Twitter- respektive Twitterer- respektive Twitterinentreffen in Museen.

Ich wollte es nicht provozieren, aber das Erstaunen meiner Leserinnen und Leser hat mich nicht besonders erstaunt, kannte ich es doch aus verschiedenen persönlichen Gesprächen. „Seid Ihr bescheuert? Könnt Ihr nicht mal mehr in ein Museum gehen, ohne die ganze Zeit aufs Handy zu glotzen?“ Die kurze Antwort lautet „nö“.

laut

Mit dem oftmals als „Kurznachrichtendienst“ fehlbeschriebenen Twitter ist es so eine Sache: Nur wenige Mitmenschen sehen die vielfältigen Möglichkeiten, die Twitter bietet. Die maximale Textlänge von 140 Zeichen zwingen zur Konzentration und Reflexion, Twitter ist ein ideales Tool zu Gedankenaustausch und Dialog. Und auch wenn es als reine Spielerei abgetan wird, so erwidere ich, dass auch Spielen mit mehreren meist mehr Spaß macht als alleine. Denn es ist ja gerade nicht so, dass Smartphone und Tablet einsam machen. Ganz im Gegenteil: Soziale Medien beruhen auf Interaktion, Kommunikation. Sie bringen Menschen zusammen – in diesem Falle solche, die die Begeisterung für Twitter und für Museen teilen. So gesehen hat sich ein loser Kreis Gleichgesonnener gefunden, die sich ab und an treffen und zusammen Spaß im Museum haben und manchmal auch aus der Sichtweise der anderen etwas lernen können, wie ein Storify von einem gemeinsamen Besuch im Tränenpalast eindrucksvoll zeigt.

stori

Viele von uns werden sicherlich auch bei der Langen Nacht der Museen am Wochenende unterwegs sein und unter dem Hashtag #lnberlin eifrig Eindrücke teilen. Ich freu mich schon drauf.

Es rappelt in der Kiste

Wir Museumsfreunde sind neugierige Menschen, immer wieder auf der Suche nach neuen Ein-, An- und Aussichten. Die sind natürlich in den Ausstellungsräumen der vielen Berliner Museen zu finden, und noch viel mehr in deren Sammlungen und Magazinen. Doch bei einer Sonderführung durch Magazin und Werkstätten des Deutschen Historischen Museums – wie schon der jüngste Besuch in der Antikensammlung des Staatlichen Museen Teil des Rahmenprogramms der Langen Nacht der Museen – gab es nicht nur Sammlungsstücke zu bestaunen, sondern auch viele wunderschöne Wörter.

Es begann mit der „Flachware“. Mit diesem Begriff fasste Abteilungsdirektor Dr. Arnulf Scriba alle zweidimensionalen Stücke zusammen – vom Flugblatt bis zum Ölgemälde. Abertausende dieser Objekte besitzt das Museum, bewahrt sie auf und pflegt sie. Besonders letztere Aufgabe nimmt einen recht großen Teil der Arbeit hinter den Kulissen des DHM ein – Papier ist im Vergleich zu Marmorköpfen relativ empfindlich. Im weiteren wunderschönen Worten beschrieb Plakatrestaurator Matthes Nützmann sein anspruchsvolles Arbeitsfeld, von „Holzschliffpapieren“ war in seiner einem Operationssaal nicht unähnlichen Werkstatt zu hören, die „alkalisch gepuffert“ werden ehe man an die „Fehlstellenergänzung“ gehe, die aus restauratorischen Gründen oftmals in der „Tratteggiotechnik“ erfolge.

nützmann

Doch wie schafft es ein Flachobjekt überhaupt ins Magazin des DHM? „Wir sammeln heute für morgen“ erklärte Andreas Michaelis in der Dokumentensammlung. Das erfordert eine weise Voraussicht und sorgt mitunter für Verdruss, wenn man für eine Ausstellung ein Dokument teuer erwerben muss, das man zehn Jahre zuvor für wenige Cent hätte erwerben können. „Es geht uns immer auch darum, dass unsere Stücke Geschichten erzählen“, ergänzte Arnulf Scriba. Diesem Anspruch genügt auf jeden Fall eine auf den ersten Blick unspektakuläre Kiste voller Briefe, die geöffnet im Magazinraum stand. In ihr ein etwa 3.000 Feldpostbriefe umfassender Briefwechsel eines jungen Paares, das durch die weltkriegsbedingte Abwesenheit des Mannes gehindert war, der gemeinsamen Leidenschaft für sadomasochistische Sexualpraktiken nachzugehen.

Kiste

Bei der Anschaffung von Gemälden geht es dem DHM, das liegt auf der Hand, in erster Linie um die historische Bedeutung des Bildes selbst oder des Motivs. Dies wurde dem Besucher in der Gemäldewerkstatt nur allzu deutlich angesichts überall herumstehender künstlerisch nachrangiger Bildnisse bedeutender Männer von früher

papa

und sehr viel früher

schorse

Ich weiß, diese Abbildung spottet jeder Beschreibung, aber unser tragischer letzter König Georg V. trieb mir als Sohn des Landes Hannover einige Tränen der Rührung in die Augen und sein Bild ist einer jener Hannoverbezüge, die es bereits an der einen oder anderen Stelle in diesem Blog gab und mit denen ich die treuen Leser Bulle und Wandrey herzlich grüße.

Doch historische Bedeutung und künstlerischer Wert müssen einander nicht ausschließen, und wo sie zusammenkommen, da entfaltet sich Magie. Es ist schlecht, wenn es einem Mann des Wortes die Sprache verschlägt, aber ich kann nicht beschreiben, welch bestürzendes, zunächst noch zweifelndes Glücksgefühl in mir tobte, als ich auf einem Werkstatttisch wie beiläufig dort abgelegt verschiedene Originale von den beiden Cranachs sah, darunter eines der berühmten Lutherportraits von der Hand des Älteren (der übrigens bei der Hochzeit Luthers mit Katharina von Bora (rechts) Trauzeuge war, nur für den Fall, dass Günther Jauch einmal danach fragen sollte). Vermutlich werde ich diese Meisterwerke nie wieder in meinem Leben ungeschützt aus solcher Nähe betrachten dürfen.

HerrundFrauLuther

Eine ausgesprochen mäßige Kopie dieses Bildes hing übrigens  im Wohnzimmer meiner geliebten Großmutter. Aber das ist, wie so oft, eine andere Geschichte.

Unter der Oberfläche

Kalt ist es dieser Tage in Deutschland. Das gilt unter anderem für das Wetter. Doch letzteres ist nicht schlimm, vielleicht sogar ganz gut – hindert es die Menschen doch, stumpf in der Sonne rumzuglühen und nach und nach zu verblöden. Bei schlechtem Wetter bieten sich überdachte Aktivitäten an – zum Beispiel ein Besuch in einem der über 170 Museen in Berlin.

Museen haben etwas von Eisbergen. Es gibt einen gut und oftmals weithin sichtbaren oberen Teil – beim Museum die für das Publikum geöffneten Häuser mit ihren Dauer- und Sonderausstellungen – die weitaus größte Masse jedoch bleibt verborgen. Der untere, unsichtbare Teil eines Eisberges heißt übrigens wie der untere Teil eines Schiffes „Kiel“ Das ist nicht frei von Ironie, soll hier aber nicht näher erörtert werden.

Ich bin ein leidenschaftlicher Museumsgänger, und vielleicht gerade, weil die Kiele der Museen, die Magazine, prinzipiell verbotene Schatzkammern, Schatzhäuser gar sind, üben diese seit jeher einen besonderen Reiz auf mich aus. Zu meinem großen Glück bin ich vor etwa zwei Jahren via Twitter auf einen Kreis von Museumsbegeisterten gestoßen, die zu so genannten MuseUps in Museen gingen und von dort unter ebendiesem Hashtag gemeinsam twitterten. Das Faszinierende an diesen MuseUps: Sie spielen sich außerhalb der Öffnungszeiten oder Ausstellungsräume ab, die Teilnehmer bekommen von den Museen spezielle Führungen oder Zugang zu sonst nicht öffentlichen Räumen und Bereichen.

So war es diese Woche für mich, den twitternden Kulturbeutel, keine Premiere, als sich für eine kleine Besuchergruppe im wunderschönen und quasi nigelnagelneuen Neubau unweit der Museumsinsel die stählernen Magazintüren der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin öffneten.

haus

Neben zwei (Micro-)Bloggern bekamen glückliche Gewinner einer Verlosung einen exklusiven Einblick in die antike Kunst – die Organisatoren der Langen Nacht der Museen, zu der vom 29. auf den 30. August 77 Berliner Museen von 18 Uhr bis 2 Uhr morgens zum Besuch einladen, hatten unter Käufern von Onlinekarten Teilnehmerplätze verlost. Diese Verlosung dauert nach wie vor (ich schreibe und veröffentliche dies am 30. Juli) an, mehr Infos gibt es unter dem oben stehenden Link auf die Seite der Langen Nacht.

Depotführungen haben neben der ihnen innewohnenden Exklusivität einen weiteren Reiz. Während man in den Ausstellungsräumen von Museen mehr oder weniger autonom und vom Personal unbehelligt herumschleichen darf und dadurch auch die Möglichkeit hat, die interessantesten Exponate zu verpassen, wird man schon aus Sicherheitsgründen (vor allem für die gelagerten Sammlungsstücke) von hochrangigen Verantwortlichen der gastgebenden Institute und Sammlungen begleitet. Unserer kleinen Gruppe zeigte Dr. Martin Maischberger, der stellvertretende Direktor der Antikensammlung, in zwei Magazinsälen Teile der Sammlung antiker Skulpturen.

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Insgesamt umfasst die Sammlung, deren Geschichte bis in die Renaissance zurückreicht, geschätzte 100.000 zum Teil weit über 2.000 Jahre alte Gegenstände, davon etwa 2.800 Skulpturen, zum Teil tonnenschwer.

deckenbelastung

Eher handlich jedoch ist das Lieblingsmagazinstück Maischbergers, ein kleiner Statuenkopf aus der römischen Kaiserzeit.

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Ein Lieblingsstück wohl auch, weil es mit seinem aus der deutschen Kaiserzeit stammenden Sockel kaum unkommentiert ausgestellt werden könnte und sich so am Objekt exemplarisch zeigt, wie sich der Blick auf die Welt im Ganzen innerhalb von nur gut hundert Jahren grundsätzlich gewandelt hat und der damalige Umgang mit und Zugang zu antiker Kunst mittlerweile selbst Gegenstand von Geschichtsforschung und -wissenschaft geworden ist.kleine bueste

negerknabensockelDeutlich sperriger und gewichtiger hingegen einige Stücke, die nur vorübergehend im Magazin eingelagert worden sind. Versandfertig verpackt und ein wenig im Weg stehend fanden wir drei fast mannshohe Marmorreliefs vor. Diese sind Teil des wegen Renovierungsarbeiten bis voraussichtlich 2019 (ich erspare mir an dieser Stelle eine gallige Bemerkung über pünktliche Fertigstellung von Bauarbeiten in Berlin) nicht zu sehenden Pergamonaltars, genauer gesagt des Thelephosfrieses. Die fachmännische Verpackung hat ihren Grund – die Stücke sind nur auf der Durchreise. Zurück von einer Ausleihe nach London warten sie auf die Weiterreise nach New York.

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Leihgaben an andere Museen in aller Welt sind kein Einzelfall – im Gegenteil. Martin Maischberger berichtete, dass man bei weitem nicht alle Nachfrage befriedigen könne, da Vorbereitung und die Leihe selbst sehr sehr aufwändig seien. Aber man tut, was man kann – in den meterlangen Skulpturenreihen auf den weißen Schwerlastregalböden war manche vorübergehende Lücke zu sehen.
kanada

Doch es waren noch genug Köpfe da zum Betrachten, Bewundern und Bestaunen,

marxengelsleninstalinum schließlich den eigenen nachdenklich zu kratzen.

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