Schlangenbiss

Ich bin Historiker, aber vor lauter Rückschau auf die Lange Nacht der Museen ist mir ein geschichtlich bedeutsames Datum durchgerutscht. Aber auch einen Tag zu spät kann man dankbar denken an die Männer, die am 3. September 1977 den ersten Derbysieg für den FC St. Pauli in der Bundesliga errangen. Ein Tagesschau-Schnipsel von diesem Tag (Wilhelm Fucking Wieben!) versetzt einen zurück in die Zeit, als Stadien noch nicht Arenen hießen, keiner wusste, was Ultras sein könnten, und die Helden Tune-Hansen, Kulka und Schlangen-Franz hießen.

Nachtrag: Die vollständige Mannschaftsaufstellung: Rynio – Sturz, Höfert, Demuth – Blau, Neumann (67. Mannebach), Oswald, Beverungen, Tune-Hansen – Kulka, Gerber, die Tore erzielten vor 48.000 Zuschauern im Volksparkstadion Gerber in der 30. und Kulka in der 87. Minute

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Nachdenken über Holland.

Ich habe noch vor keinem großen Fußballturnier so wenig Vorfreude verspürt wie in diesem Jahr. Aber am Ende schaue ich natürlich wie alle anderen doch und hoffe wie alle anderen auch, dass sich für dir deutsche Mannschaft vor dem Ausscheiden gegen Italien oder Spanien doch die Möglichkeit ergibt, Holland wegzuhauen. Doch das, also dieses Holland-Ding, bietet eine Menge Stoff zum Nachdenken.

Schon der Name. Natürlich müsste es heißen „Die Niederlande“, sind doch vermutlich auch Spieler aus beispielsweise Friesland, der Drenthe oder Maastricht zugelassen. Der größte Spieler in der Niederländischen Fußballgeschichte war allerdings tatsächlich ein gebürtiger Holländer. Ich habe Johan Cruyff einmal leibhaftig spielen sehen, Anfang der Achtziger in einem Trainingsspiel von Ajax in Nordwijk. Cruyff, damals schon nicht mehr der Jüngste, wurde noch in der ersten Hälfte ausgewechselt und hat keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, wohl aber ein Nachwuchsspieler, ebenfalls gebürtiger Holländer, namens Frank Rijkaard. Dieser sollte sich später große Verdienste um die deutsch-holländische Fußballrivalität machen, indem er, die Älteren werden sich erinnern, unseren Nationalhelden Rudolf Völler ungeahndet anspuckte, 1990 war das, im Achtelfinale in Mailand.Spätestens da hätte den englischen Fans und Journalisten klar sein müssen, dass für uns deutschen Fußballfreunde Holland der Lieblingsrivale ist, so sehr sie auch ihre Gegnerschaft zu den Krauts betonen.

Doch der besagte Einsatz Rijkaards blieb wirkungslos – die Unsrigen gewannen das Spiel und wurden Weltmeister – zum bislang letzten Mal, 24 Jahre ist das nun auch schon wieder her. Überhaupt hat den Holländern, obwohl sie großartige Mannschaften hatten, der Einsatz nie den ganz großen Erfolg gebracht – sie wurden dreimal Vizeweltmeister ohne einmal den Titel zu erringen. Ein trauriger Rekord.

Nun gab es neulich für die holländische (ich zieh das durch) Fußballgemeinde eine gute Nachricht: Rafael van der Vaart wird dem Turnier in Brasilien fernbleiben. Doch das wird vermutlich nicht reichen, um den Männern in den orangefarbenen Leibchen den ersehnten ersten Weltmeistertitel zu holen. Doch einen bemerkenswerten Beitrag aus Holland zur WM gibt es bereits. Die Europop-Legenden Vengaboys habe ihren schon etwas angestaubten Partyknaller „2 Brazil“ recycled. Das Video ist von den Medien ausgesprochen wohlwollend aufgenommen worden, und ja, es bietet seinerseits einigen Stoff zum Nachdenken.

 

Südniedersachsen wie es singt und kickt

Fußball ist toll. Musik ist toll. Aber Fußballmusik ist in aller Regel grauenvoll. Vor jedem internationalen Turnier bringen Profis, Halbamateure und Amateure Songs und Hymnen an den Start, die man schnell auswendig kann und auch im Dreiviertel- bis Vollrausch noch mitgrölen kann. Unlängst ergoss sich in diesem Netz kübelweise Spott über eine ehemalige C-Prominente, deren WM-Song fast so grauenhaft war wie alles von Sportfreunde Stiller.

Doch es gibt eine gute Alternative: Mein diesjähriger WM-Hit stammt eindeutig aus meiner südniedersächsischen Heimat. Dort hat eine mir bis dato unbekannte Combo das bereits in vielen Stadien zu hörende „We’re not gonna take it“ von Twisted Sister auf das Ereignis des Sommers 2014 umgetextet und eingespielt.

A propos Stadion: Der Sportplatz in dem Video kommt mir verdammt bekannt vor. Ich könnte schwören, dass ich da schon das eine oder andere Mal rübergelaufen bin.

Ein Hemd, ein Hemd!

Das heutige Hemd ist, wie sollte es anders sein, ein Fußballtrikot. Genauer gesagt eines meines Lieblingsklubs, des FC St. Pauli. Viele sehen einen Widerspruch darin, für St. Pauli und für die deutsche Mannschaft zu sein. Denn St. Pauli ist doch so links und unangepasst und Punkrock und ein Punkrocker, der für Deutschland ist ist doch  in etwa so absurd wie ein Ire, der für England ist und…

Das sehe ich anders.

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Und auch wenn mein Vater Fußballtrikots an Fans als „Narrengewänder“ diffamiert finde ich, dass man sie durchaus mit Würde tragen kann, wie dieses Foto von Miriam S. aus H., die mir auch das heutige Hemd schenkte, hoffentlich beweist:

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Schlandstelle revisited

„Also Berlin ist ja schon toll…aber leben könnte ich da ja nicht“ – ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz schon in Hamburg hören musste. Dennoch gibt es mitunter Rückkoppelungen zwischen den beiden wirklichen Städten Deutschlands. So haben die Drei von der Schlandstelle es gestern Abend etwas dezenter angehen lassen. (Dass sie bodygepainted respektive gebodypainted gewesen seien, ist reine Spekulation):

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Ich hingegen habe es nicht beim Hemd belassen und noch die Flagge meines Heimatlandes rausgesucht, das zum Glück 1946 aus mehreren alten Ländern entstanden ist und daher die an einem Fußballabend zweckmäßigen Grundfarben hat.

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Mein Nachbar David aus Toronto hatte solch eine „Deutschlandflagge“ noch nie gesehen.

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Viele Berliner offenbar auch nicht. Dauernd wurde ich gefragt, ob ich aus Nordrhein-Westfalen sei.

Wo guckstu?

Silvester ist das zwiespältigste Fest des Jahres. Man muss nach Kalender fröhlich und ausgelassen sein und meist werden schon die Weihnachtstage überschattet von der dräuenden, allzu lange aufgeschobenen Frage: „Wo gehen wir eigentlich Silvester hin?“ Vor einigen Jahren hat Silvester Junge bekommen – Deutschlandspiele bei großen Turnieren. Früher, Helmut Kohl war noch Kanzler, war das alles viel einfacher. Wenn Deutschland spielte hockte man sich in sein Wohnzimmer, saugte sich das eine und andere Bier rein und brüllte den eigenen Fernseher an. Wenn vielleicht ein paar Kumpels da waren und man vorher grillte oder sich die Mannschaft im Clubheim (das hieß wirklich so) zusammenrottete, dann war das schon ein Ereignis, das Wort „Event“ gab es damals noch nicht in Mitteleuropa. Heute muss, wenn möglich, unter freiem Himel geschaut werden. Selbst meine Kirchengemeinde macht mit:

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Dass die keinen Alkohol ausschenken finde ich richtig und nachvollziehbar, leider gab es beim letzten Mal zu wenig Stühle und Bänke. Also ging ich in die benachbarte Pizzeria, wo seltsamerweise auch noch die Getränke deutlich günstiger waren als bei der Kirche. Dort traf ich auf viele Bekannte aus der Nachbarschaft, die sogar noch Platz für mich hatten.

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Hätte ein schöner runder Fußballabend werden können. Leider hat das Fernsehsignal einen deutlich kürzeren Weg in den Kirchengarten von Heilig Kreuz als auf den Bildschirm von Pizza Nuno. Der Jubel jeweils acht Sekunden vor dem Tor für Deutschland war nicht zu überhören und trübte die Spannung beträchtlich. Also weiß ich immer noch nicht, wo ich heute Abend schaue. Hat jemand einen Tipp für mich, irgendwo in Kreuzberg, wo es keine Hipster gibt?