Es rappelt in der Kiste

Wir Museumsfreunde sind neugierige Menschen, immer wieder auf der Suche nach neuen Ein-, An- und Aussichten. Die sind natürlich in den Ausstellungsräumen der vielen Berliner Museen zu finden, und noch viel mehr in deren Sammlungen und Magazinen. Doch bei einer Sonderführung durch Magazin und Werkstätten des Deutschen Historischen Museums – wie schon der jüngste Besuch in der Antikensammlung des Staatlichen Museen Teil des Rahmenprogramms der Langen Nacht der Museen – gab es nicht nur Sammlungsstücke zu bestaunen, sondern auch viele wunderschöne Wörter.

Es begann mit der „Flachware“. Mit diesem Begriff fasste Abteilungsdirektor Dr. Arnulf Scriba alle zweidimensionalen Stücke zusammen – vom Flugblatt bis zum Ölgemälde. Abertausende dieser Objekte besitzt das Museum, bewahrt sie auf und pflegt sie. Besonders letztere Aufgabe nimmt einen recht großen Teil der Arbeit hinter den Kulissen des DHM ein – Papier ist im Vergleich zu Marmorköpfen relativ empfindlich. Im weiteren wunderschönen Worten beschrieb Plakatrestaurator Matthes Nützmann sein anspruchsvolles Arbeitsfeld, von „Holzschliffpapieren“ war in seiner einem Operationssaal nicht unähnlichen Werkstatt zu hören, die „alkalisch gepuffert“ werden ehe man an die „Fehlstellenergänzung“ gehe, die aus restauratorischen Gründen oftmals in der „Tratteggiotechnik“ erfolge.

nützmann

Doch wie schafft es ein Flachobjekt überhaupt ins Magazin des DHM? „Wir sammeln heute für morgen“ erklärte Andreas Michaelis in der Dokumentensammlung. Das erfordert eine weise Voraussicht und sorgt mitunter für Verdruss, wenn man für eine Ausstellung ein Dokument teuer erwerben muss, das man zehn Jahre zuvor für wenige Cent hätte erwerben können. „Es geht uns immer auch darum, dass unsere Stücke Geschichten erzählen“, ergänzte Arnulf Scriba. Diesem Anspruch genügt auf jeden Fall eine auf den ersten Blick unspektakuläre Kiste voller Briefe, die geöffnet im Magazinraum stand. In ihr ein etwa 3.000 Feldpostbriefe umfassender Briefwechsel eines jungen Paares, das durch die weltkriegsbedingte Abwesenheit des Mannes gehindert war, der gemeinsamen Leidenschaft für sadomasochistische Sexualpraktiken nachzugehen.

Kiste

Bei der Anschaffung von Gemälden geht es dem DHM, das liegt auf der Hand, in erster Linie um die historische Bedeutung des Bildes selbst oder des Motivs. Dies wurde dem Besucher in der Gemäldewerkstatt nur allzu deutlich angesichts überall herumstehender künstlerisch nachrangiger Bildnisse bedeutender Männer von früher

papa

und sehr viel früher

schorse

Ich weiß, diese Abbildung spottet jeder Beschreibung, aber unser tragischer letzter König Georg V. trieb mir als Sohn des Landes Hannover einige Tränen der Rührung in die Augen und sein Bild ist einer jener Hannoverbezüge, die es bereits an der einen oder anderen Stelle in diesem Blog gab und mit denen ich die treuen Leser Bulle und Wandrey herzlich grüße.

Doch historische Bedeutung und künstlerischer Wert müssen einander nicht ausschließen, und wo sie zusammenkommen, da entfaltet sich Magie. Es ist schlecht, wenn es einem Mann des Wortes die Sprache verschlägt, aber ich kann nicht beschreiben, welch bestürzendes, zunächst noch zweifelndes Glücksgefühl in mir tobte, als ich auf einem Werkstatttisch wie beiläufig dort abgelegt verschiedene Originale von den beiden Cranachs sah, darunter eines der berühmten Lutherportraits von der Hand des Älteren (der übrigens bei der Hochzeit Luthers mit Katharina von Bora (rechts) Trauzeuge war, nur für den Fall, dass Günther Jauch einmal danach fragen sollte). Vermutlich werde ich diese Meisterwerke nie wieder in meinem Leben ungeschützt aus solcher Nähe betrachten dürfen.

HerrundFrauLuther

Eine ausgesprochen mäßige Kopie dieses Bildes hing übrigens  im Wohnzimmer meiner geliebten Großmutter. Aber das ist, wie so oft, eine andere Geschichte.

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Ein Gedanke zu „Es rappelt in der Kiste

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